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A17: Kulturarbeit von und mit Flüchtlingen fördern

Veranstaltung: LDK Bayern 2015
AntragsstellerIn: LAK Kultur (LAK Kultur)
Status: Eingereicht
Eingereicht: 17.09.2015, 21:04 Uhr

Antragstext

1Kulturelle Teilhabe ermöglichen, kreative Potentiale stärken- öffentliche
2Förderung für die Kulturarbeit von und mit Flüchtlingen
3Weltweit waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht. Viele Flüchtlinge
4suchen
5täglich auch Schutz in Bayern. Die Unterbringungssituation einiger
6Erstaufnahmeeinrichtungen im Freistaat ist mangelhaft: Es herrscht drangvolle
7Enge, die vorgegebenen 7 m2pro Person werden oftmals unterschritten. Zunehmend
8werden Turnhallen und Zelte als provisorische Unterbringung genutzt,
9Privatsphäre ist dort nicht denkbar. Neben einer angemessenen räumlichen
10Unterbringung benötigen Menschen, die bei uns Schutz suchen vor Krieg,
11Verfolgung und wirtschaftlicher Not, vielfältige Unterstützung für einen
12menschenwürdigen Aufenthalt in Bayern. Dieser kann derzeit nur durch eine hohe
13Spendenbereitschaft – von Kleidung, Fahrrädern bis hin zu Kinderspielzeug –
14sowie durch ehrenamtliche Arbeit seitens der Bevölkerung annähernd gewährleistet
15werden. Die Defizite bayerischer Asylpolitik werden insbesondere bei den
16unzureichenden sozialen Rahmenbedingungen sichtbar: Schwer traumatisierte
17Flüchtlinge erhalten meist keine professionelle psychotherapeutische oder
18psychosoziale Betreuung, die Sozialämter übernehmen in der Regel keine Kosten
19für Psychotherapien. In den meisten Einrichtungen fehlen Asyl-
20Sozialarbeiterinnen und - Solzialarbeiter. Obwohl das Erlernen der deutschen
21Sprache für Asylsuchende der Schlüssel ist für ein integratives Sozialleben, den
22Schulbesuch und einen Arbeitsplatz in Deutschland, haben Asylsuchende keinen
23Zugang zu den Sprachförderangeboten der Integrationskurse und sind meist von der
24berufsbezogenen Deutschförderung ausgeschlossen, die das Bundesamt für Migration
25und Flüchtlinge (BAMF) mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des
26Bundes organisiert. Der überwiegende Anteil des Angebots von freiwilligen
27Deutschkursen in Gemeinschaftsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen wird in
28Bayern von Ehrenamtlichen übernommen, ebenso wie die Betreuung von Klein- und
29Kindergartenkindern. Die Bereitstellung von Unterrichts- und Spielmaterialien
30ist dabei abhängig von der Spendenbereitschaft ortsansässiger Firmen und von
31Privatpersonen. Abgesehen vom ehrenamtlichen Engagement einzelner Ortsansässiger
32bietet das Leben in den bayerischen Erstaufnahmeeinrichtungen und
33Gemeinschaftsunterkünften für die Flüchtlinge wenig Abwechslung vom Alltag in
34der Fremde. Nicht selten sind unbewältigte traumatische Erlebnisse im
35Herkunftsland, Ungewissheit über den Aufenthaltsstatus, fehlende Privatsphäre
36und auch Langeweile in der jeweiligen Übergangsunterkunft Auslöser für
37zunehmende Frustration unter den Flüchtlingen.
38Abwechslung vom Alltag für Flüchtlinge ist jedoch nur ein Aspekt von vielen, der
39Kulturschaffende bundesweit und in Bayern vermehrt dazu veranlasst,
40Kulturprojekte für und mit Flüchtlingen durchzuführen. Eines der prominentesten
41Beispiele für die Kulturarbeit mit Flüchtlingen ist wohl das Opernprojekt „Cosi
42fan tutte“ durch den Verein „Zuflucht Kultur e.V.“: Die Mitwirkenden dieser
43Operninszenierung setzen sich zusammen aus Mitgliedern der deutschen Musikszene
44und Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien. Aktuell wurde in Bremen das Syrian
45Expat Philharmonic Orchestra gegründet, ein Syrisches Exil-Orchester. Aber auch
46in bayerischen Städten wie München, Augsburg, Regensburg und Ingolstadt gibt es
47herausragende Kulturprojekte, die unter künstlerischer Beteiligung von
48Asylsuchenden vor Ort entstanden sind.
49Dass die Beschäftigung mit Kunst und Kultur eine Abwechslung vom Alltag und für
50einige Flüchtlinge sogar eine Form der „Traumabewältigung“ bedeuten kann, ist
51unbestritten. Darüber hinaus bringt die gemeinsame künstlerische Aktivität
52Menschen unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft einander näher
53und trägt zum besseren Verständnis für das Schicksal von Flüchtlingen bei. Viele
54Asylsuchende, die an Kulturprojekten in Bayern mitwirken, begreifen dies als
55Gelegenheit, einmal nicht „passiv“ Hilfeleistungen in Deutschland dankend
56entgegenzunehmen, sondern wiederum durch ihre kreativen Fähigkeiten unsere
57Gesellschaft zu bereichern.
58Die Auseinandersetzung mit persönlichem Leid und Krieg war für viele
59Künstlerinnen und Künstler seit jeher ein schöpferischer Impuls. Werke aus
60Musik, Kunst und Literatur bieten dafür zahllose Beispiele wie Pablo Picassos
61„Guernica“, Olivier Messiaens in deutscher Kriegsgefangenschaft komponiertes
62„Quartuor pour la fin du temps“ oder Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des
63Musa Dagh“. Im Mittelpunkt der Förderung von Kunst und Kultur mit Flüchtlingen
64steht daher die Förderung von Kunst an sich und nicht die möglichen
65psychosozialen und integrativen „Nebeneffekte“ durch künstlerische Aktivität. Es
66geht um die Verbesserung von Rahmenbedingungen zur Entstehung künstlerischer
67Werke durch Menschen, deren Erfahrungshorizont von Flucht, Vertreibung und Krieg
68nicht vergleichbar ist mit den Erfahrungen der meisten Menschen in Deutschland.
69So entstehen oft verblüffende künstlerische Ergebnisse.
70Organisationen und Vereine, die in Bayern Projekte mit Asylsuchenden durchführen
71bzw für diese organisieren wollen, werden in ihrer Arbeit oft mit übermäßigen
72bürokratischen Hürden konfrontiert. Im Haushaltsplan des Freistaates sind keine
73Mittel speziell für Kulturprojekte mit Flüchtlingen vorgesehen. Meist erfolgt
74die Finanzierung durch Mittel, die durch die Bezirksausschüsse bewilligt werden.
75Von einem angemessenen Honorar für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler
76kann jedoch angesichts der geringen Höhe der öffentlichen Finanzierung in den
77meisten Fällen nicht die Rede sein. Ohne ein hohes Maß an Selbstausbeutung der
78Künstlerinnen und Künstler, die diese Projekte organisieren und durchführen,
79wären viele Kulturprojekte mit Flüchtlingen nicht realisierbar. Darüber hinaus
80sollten besonders gut besuchte und erfolgreiche Kulturprojekte mit Flüchtlingen
81möglichst unbürokratisch auf einen längeren Zeitraum verstetigt werden können.
82Außerdem fehlt es an einer Vernetzung und Koordination der freien Träger, die
83vor Ort Kulturprojekte mit Flüchtlingen anbieten.
84Wir wollen freie Träger und freischaffende Akteure der Kulturszene darin
85unterstützen, Kulturprojekte mit Flüchtlingen durchzuführen und fordern zur
86Verbesserung der Rahmenbedingungen ihrer Arbeit die folgenden Maßnahmen:
871. Die Einrichtung einer eigenen Haushaltsstelle für Kulturprojekte mit bzw. von
88Flüchtlingen

89Über eine eigenständige Haushaltsstelle mit dem Haushaltstitel „Kulturprojekte
90mit Flüchtlingen“ im bayerischen Staatshaushalt könnten sowohl freie Träger als
91auch einzelne Akteure aus Kunst und Kultur Finanzmittel beantragen, sofern sie
92ein entsprechendes Professionalisierungsniveau und einen Kooperationspartner
93vorweisen können.
942. Die Einrichtung einer zentralen Koordinierungsstelle
95Um die Beantragung von Mitteln aus dem Haushalt möglichst unkompliziert zu
96gestalten, soll in Bayern eine zentrale Stelle eingerichtet werden, die freie
97Träger sowie einzelne Akteure aus Kunst und Kultur bei dem Erstellen ihrer
98Anträge unterstützt und bei welcher die Anträge eingereicht werden können. Auch
99Anträge für eine Verlängerung der Mittelzuwendung bestehender Kulturprojekte mit
100bzw. von Flüchtlingen sollen bei dieser Koordinierungsstelle eingereicht werden
101können.
1023. Eine angemessene Entlohnung für alle an den Kulturprojekten Beteiligten
103Eine angemessene Entlohnung der Durchführenden von Kulturprojekten mit bzw von
104Flüchtlingen muss ebenso gewährleistet sein wie angemessene Honorare für alle
105Mitwirkenden an Projekten aus den Bereichen Bildende Kunst, Fotografie, Theater,
106Musik und Tanz.
1074. Die Einrichtung eines Onlineportals
108Zur besseren Vernetzung und Koordination der freien Träger, die Kunst- und
109Kulturprojekte mit Flüchtlingen anbieten oder für diese organisieren, sollte ein
110bayernweites Onlineportal eingerichtet werden. Dieses könnte auch dazu dienen,
111interessierten Kooperationspartnern eine regional zugeordnete Übersicht aller
112angebotenen Kulturprojekte zu präsentieren

Begründung

Kunst und Kultur haben ihren eigenen Wert und brauchen Freiheit. Sie dürfen nicht von institutioneller Politik und wirtschaftlichen Interessen vereinnahmt werden. Kunst und Kultur müssen keinen ökonomischen Zweck erfüllen, keine gesellschaftlichen Defizite kompensieren. Trotzdem zeigt sich in der Praxis, dass diese Effekte möglich sind. Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander musizieren oder eine Tanzperformance einstudieren, können gegenseitige Vorurteile aufgehoben werden und Grenzen zwischen „wir“ und „die“ verschwimmen. Die künstlerische Darstellung menschlicher Schicksale von Flucht, Krieg, Verfolgung und Elend auf einer Bühne, in Bildern oder Tönen kann beim Publikum bzw beim Betrachter oder der Betrachterin Empathie und intuitives Verständnis eröffnen. Bayern ist bunt und vielfältig, dies haben wir auch den Migrantinnen und Migranten zu verdanken, die unsere Gesellschaft mit ihrer Kultur bereichern. Auch viele Flüchtlinge in den Gemeinschafts- und Erstaufnahmeunterkünften können und wollen zur kulturellen Vielfalt Bayerns beitragen. Ihr kreatives Potential zu fördern und ihnen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen zur kulturellen Teilhabe anzubieten, ist uns Grünen in Bayern ein Anliegen.

Änderungsanträge

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